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   Wilfried Albrecht

Wilfried Albrecht sitzt der Schalk im Nacken, und was er von sich gibt, ist prädestiniert, um Mut zu machen. Im Geiste ist er einwandfrei der "Willi" geblieben, den sie noch aus Zeiten kennen, in denen er ein Hansdampf-in-allen Gassen war: Motorradfahrer und mehrmaliger Vereins- und Kreismeister im Tontaubenschießen, Kleintierzüchter, Mitglied im Posaunenchor, Rettungssanitäter und Jugendleiter beim Rotkreuz, Angler, "daneben" Familienvater, Häuslebauer und Kämmerer im damals noch selbständigen Daisbach. Heute läuft alles anders. Albrecht ist Gefangener im eigenen Körper bei wachem Verstand.

Anfang der 80er-Jahre stellte Wilfried Albrecht – seinerzeit 130 Kilo "Kampfgewicht" – Veränderungen der Kondition beim Heben, später auch Muskelbeschwerden bei Spaziergängen und Ähnliches fest und blieb zunächst unbeeindruckt. 1984 dann der Schicksalsschlag: Die unheilbare Muskel- und Nervenkrankheit ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) wurde diagnostiziert, die ihn Ende 1985 an den Rollstuhl fesselte. 1987 mit schwerer Atemnot ins Krankenhaus eingeliefert, kam es zum Atemstillstand der ihn in ein dreiwöchiges Koma fallen ließ. Er wachte auf: Mit Luftröhrenschnitt und Beatmungsgerät, wurde über Magensonde künstlich ernährt und nahm in sieben Monaten 55 Kilo ab. Ein Horror.

"Die Ärzte gaben mir noch vier Monate, hatten allerdings nicht mit meinem Lebenswillen und meiner unermüdlichen Energie gerechnet", schreibt er im Jahr des Herrn 2007 – also rund 20 Jahre nach dem vorschnellen "Todesurteil" – auf seiner Homepage "Schnauferli-online.de". Auch eine gehörige Portion schwarzer Humor gehört zu den Eigenschaften des außergewöhnlichen Charakters, der im Internet "anderen Mut machen" und außerdem zeigen will, "dass behindert nicht bescheuert bedeutet." Die Artikulation ohne aufwändige technische Hilfen – "die nicht jede Krankenkasse übernimmt" – ist unmöglich, Schreiben ebenso. Trotzdem gelang es Albrecht durch hartes Training sowie mit der Hilfe seiner unermüdlichen Familie und einigen guten Freunden, sich weitmöglichst aufzurappeln. Und es gelang weit mehr.

Er lernte, wieder zu atmen, zuerst nur zwei Züge, dann mehr; bis er nach Monaten in der Lage war, bis zu einer Stunde im Beisein einer Überwachungsperson, ohne Beatmungsgerät auszukommen. "Nach fünf Monaten Magensonde und ständigem Zuschauen, wie meine Mitpatienten genüsslich Essen runterschlangen, wollte ich unbedingt auch wieder etwas über den Mund zu mir nehmen", schreibt er außerdem in seiner Biografie. Der Wille war ungebrochen.

"Nach Befragen der Ärzte wurde mir dieses untersagt. Ich müsste wissen, dass ich nie mehr in der Lage sein werde zu essen und zu trinken. Nicht mit mir!" Auch das gelang. Albrecht war stolz, dass er "vor allem die Götter in Weiß, vom Gegenteil überzeugen konnte". Nach 13 Monaten Intensivstation wurde Albrecht 1988 aus dem Krankenhaus entlassen. "Seit dieser Zeit verbesserte sich der Gesundheitszustand." Und er begann, trotz Beatmungsgerät, die Wohnung mit dem Rollstuhl zu verlassen. Nach vier Jahren wurde eine dreitägige Reise an den Bodensee geplant. Das klappte so gut, dass man ein Jahr später für zehn Tage in eine Ferienwohnung in Österreich fuhr, mit Tagesausflügen nach Salzburg, an den Wolfgangsee und Wien.

Der Besuch des Reichtages war krönender Abschluss einer Berlinfahrt. Süffisant schreibt Albrecht hierzu: "Nach ausgiebiger Kontrolle am Rollstuhl und Befummelei an mir durch Sicherheitsbeamte, durfte ich, nicht ohne Hintergedanken und einem Grinsen im Gesicht, unseren Politikern aufs Dach steigen."

Seit 18 Jahren wird Willi Albrecht nun zu Hause gepflegt und betreut. Die ALS hat sich, bis auf die Atmung, in den letzten Jahren nicht verändert. Seine Krankheitsgeschichte – so die Botschaft, die Albrecht vorlebt – soll anderen Schwerkranken oder Behinderten, deren Angehörigen, aber auch Ärzten und Pflegern Mut machen. Optimismus, dass es (fast) immer weitergehen kann.

 

www.schnauferli-online.de/


www.beatmet-zuhause-leben.com