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Nina ging in die Luft

„Ich bin schon ein Träumer, ja – aber ich bin nicht nur Träumer. Manchmal wenn ich dann finde, das muss ich jetzt verwirklichen, dann stecke ich alles dazu, um diesen Traum zu verwirklichen. Meine ganze Energie. Weil das Träumen alleine ja das bringt einen nirgends hin. Manchmal muss man was verwirklichen... Also wenn man Power hat und Energie, besteht manchmal die Gefahr, dass dann alle Menschen rundherum denken, ach die hat genug Kraft, die braucht mich nicht, die kann das schon alleine. Dann muss man das immer wieder sagen, ich brauche dich doch.“

(Originalton von Nina Dorizzi in ihrem Film „Leben außer Atem“)

Aus dem Leben von Nina Dorizzi

Insgeheim wünschte sich die damals 16-jährige Nina in ihrem Liebeskummer eine Krankheit herbei; nur eine oder zwei Wochen krank sein, damit sich alle um sie kümmern müssten.
Mit einer bleibenden Behinderung hatte sie eigentlich nicht gerechnet - Kinderlähmung mit einer lebenslangen Abhängigkeit von einem Atemgerät war die Diagnose.
Dies war wohl nicht die erste Prüfung im Leben von Nina Dorizzi; das Mädchen wurde von ihrer 'Babuschka" Oma, einer Russin, aufgezogen. Ihre Mutter war alleinstehend und musste arbeiten. Ninas Muttersprache war Russisch, erst in der Schule lernte sie Deutsch.
Nach der Diagnose Polio folgte ein 12 Jahre langer Aufenthalt in der Züricher Uniklinik. Im Spital lernte Nina dann auch ihren zukünftigen nichtbehinderten Ehemann Urs kennen, den sie 1972 heiratete. Die Krankenkasse war damals der Meinung, dass ein mobiles Beatmungsgerät für die junge Frau zu teuer sei. Doch weder Nina noch ihre Freunde, Mitschüler und Lehrer waren dieser Meinung: sie sammelten Zeitungen und wuschen Autos, um Ninas Wunsch nach einem unabhängigen Leben zu unterstützen.
Kaum saß sie auf eigenen vier Rädern, gründete sie in Effretikon eine Wohngemeinschaft. Nina begann Psychologie zu studieren und plante die ersten Hilfsaktionen in ihrer zweiten Heimat Russland.
1980 organisierte die Powerfrau mit einer ebenfalls behinderten Psychologin und deren Gesprächsgruppe, zu der auch Nina gehörte, in Bern die erste Behindertendemonstration der Schweiz. Heute lebt sie in Winterthur, wo sie als Gemeinderätin (SP) bis vor kurzem fungierte. Sie musste ihr Mandat abtreten wegen eines burn-outs. Langsam treten fällt Nina ausserordentlich schwer.
In den letzten Jahren hat Nina Dorizzi begonnen, ihre Erfahrungen in Buchform an Menschen weiterzugeben, die an einem selbstbestimmten Leben interessiert sind. Titel: "Unten brennt's und oben lodet's".
Ein Gedichtband, den sie veröffentlicht hat, heisst "Ein Hauch von Leben". und im Jahr 2000 wurde von dem Schweizer Regisseur Aldo Gugolz ein Film über Nina Dorizzi, ihr Leben und ihr Wirken gedreht: "Leben ausser Atem".

Ich lebe zuhause mit persönlichen Assistenten, diese suche ich selber und wähle sie dann auch aus. Gerade vor kurzem habe ich einigen Angestellten gekündigt. Nicht weil sie etwa böse Menschen waren, aber weil sie meinen inneren Prozess des selbstbestimmten Lebens nicht mitgehen konnten. Meine Sicherheit, mein Selbstbewußtsein und mein Geradestehen für mich und meine Handlungen macht sie unsicher. Sie haben nichts mehr zu betreuen. Sie haben an Macht verloren, da ich klare und direkte Anweisungen gebe und verlange, dass diese ausgeführt werden. Ich verhalte mich nicht mehr wie eine Bittstellerin, sondern wie eine Arbeitgeberin. Eine Frau, die selber geküdigt hatte, erklärte mir: "Ich konnte zu wenig an Dir tun". Sie sagte noch: " Weißt du, im Traum haben die da oben mir dich zu Füßen gelegt." Oftmals laufen diese Machtspiele ganz unscheinbar ab. Ich bitte jemanden mir etwas an einen von mir bestimmten Ort zu legen, damit ich der nächsten Person erklären kann, wo es liegt. Das wird nicht gemacht. Oder man lässt mich eine Ewigkeit warten, bis ich aufstehen darf. Oder man gibt mir mein Saugschläuchchen nicht, das meine Selbständigkeit ermöglicht, schreiben, Radio und TV bedienen etc., aber vor allem kann ich dann nicht läuten. Auch, wenn ich absichtlich übergangen werde oder anscheinend nicht gehört werde, fühle ich mich völlig hilflos. Das Schlimmste ist aber für mich, wenn man mir mit Davonlaufen droht. Da ich künstlich beatmet werde, ist das ein Spiel mit meinem Leben. Kürzlich besuchte ich eine kulturelle Veranstaltung. Meine Begleitperson traf einen Freund und setzte sich mit diesen auf eine Bank. Ich wollte ein wenig die Verkaufstände durchstöbern und fragte sie, ob sie hier sitzen bleiben, damit ich im Notfall weiß, wo ich mit meinem Elektro hinsteuern muss. Das war also abgemacht. Doch nach einer Zeit, als ich zu ihnen zurückkehren wollte, waren alle beide weg. Ich schwitzte Blut. Zuvor hatten wir uns verkracht, das war dann wohl die Retourkutsche. Grässlich ist es auch, wenn ich in Auseinandersetzungen immer wieder die Behinderung vorgeworfen erhalte. Ich fühle mich jeweils wie plattgedrückt, da ich ja behindert bin und daran nichts verändern kann. 

Mein Leben muss mir soviel wert sein, dass ich nicht mehr Lieb-Kind sein brauche. Ich muss es mir wert sein auf die Barrikaden zu gehen, die Aufmerksamkeit auf mich zu lenken.

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